Trauma

Was ist ein Trauma?

 

Ein existentiell bedrohliches Ereignis, eine Situation von traumatischem Stress kennzeichnet sich zunächst dadurch aus, dass normale menschliche Stressverarbeitungssysteme nicht mehr greifen.

In solchen Situationen kommen archaische Notfallstrategien (Notfallreaktion) zum Vorschein.

 

Zunächst springt das Bindungssystem an. Betroffene suchen nach Menschen, die helfen können bzw. werden selbst hilfreich tätig (Orientierungsreaktion).

 

Ist niemand da, der helfen kann bzw. kann in der Situation nicht helfend eingegriffen werden, greift man selbst an oder ergreift die Flucht (Fight/Flight-Reaktion). Der sympathische Teil des vegetativen Nervensystems hebt das Erregungsniveau sekundenschnell an gepaart mit größtmöglicher Aufmerksamkeit.

 

Ist das Kampf-Flucht-Muster nicht erfolgreich im Sinne von existentieller Sicherung, entsteht eine NoFight – NoFlight – Situation. Hilflosigkeit und Ohnmacht überwiegen. Der Körper ist nach wie vor in höchster Alarmbereitschaft (Hyperarousal).

 

Hält die Bedrohung unvermindert an, kippt die Physiologie des Menschen. Er erstarrt (Freeze) und zeigt einen Tot-Stell-Reflex (Submission). Dabei kippt die sympathikusgesteuerte Übererregung in eine vom Parasympathikus gesteuerte Untererregung.

 

Wenn eine existentielle Bedrohung erlebt wird, findet im menschlichen Gehirn zunächst eine fieberhafte Suche nach Lösungen statt (Suchreaktion).

 

Zum Überleben Unwichtiges wird ausgeblendet, sodass die Großhirnrinde sich schließlich schrittweise abschaltet (Dissoziation).

 

Das limbische System mit seinem Hippocampus als Archivar für die Übermittlung von Zwischenhirninformationen an die Großhirnrinde und zuständig für das sinnhafte Erfassen von Erlebtem und seine Einordnung in Zeit und Raum fällt stressüberlastet aus. Die Amygdala, der für die Wahrnehmung von Angst und Schmerz zuständige Bereich im limbischen System übernimmt die Steuerung und aktiviert Hirnstammfunktionen. Eine vernunftgesteuerte Handlungsplanung und die mit Sprache versehene Speicherung des Geschehens sind entsprechend nicht mehr möglich. Es findet eine lebenserhaltende Reaktion auf der Ebene des Säugetierhirns statt.

 

In der Phase der Starre, Über- und Untererregung werden nur fragmentierte Erinnerungen gespeichert ohne sinnhafte, chronologische Einordnung auf der Zeitachse. Diese fragmentierte Erinnerung, die alle Ebenen von Sinneserfahrungen, Beziehungen, Körperreaktionen, Out-of-Body-Erfahrungen, Handlungen und Kognitionen in der Situation beinhalten, sind nicht bewußt abrufbar und auch nicht im Sprachzentrum gespeichert.

 

Das Trauma ist fragmentiert, dissoziiert, nicht als komplexe Erfahrung erfassbar, nicht besprechbar, nicht als Gesamterfahrung abrufbar und somit nicht als Vergangenes erinnert.

 

Wird ein Traumafragment durch einen äußeren Reiz (Trigger) aufgerufen, erlebt der/die Betroffene das Erlebte als „Hier und Jetzt“-Erfahrung.

Literatur Hantke, L./Görges, H. J. (2012): Handbuch Traumakompetenz. Basiswissen für Therapie, Beratung und Pädagogik.
Literatur Hantke, L./Görges, H. J. (2012): Handbuch Traumakompetenz. Basiswissen für Therapie, Beratung und Pädagogik.